Des Löwen Kern
Tiertötungen in Zoos erhitzten letztes Jahr auch die fränkischen Gemüter. Aber sind sie wirklich notwendig und moralisch vertretbar? Pro und kontra.
Text: Juliane Pröll | Fotos: Jörg Beckmann
Eine Herde von rund zwanzig Mähnenspringern grast im Gehege im Nürnberger Zoo. Ein Schuß fällt und der Bock bricht zusammen. Ein Blattschuß hat ihn niedergestreckt. Das Ganze ist auf einem Video des Zoos zu sehen, das für diesen Beitrag aufgrund des Lockdowns aufgenommen wurde. Das Tier wurde anschließend fachgerecht ausgenommen und verfüttert.
Die Tiertötungen in Zoos wurden 2020 heiß diskutiert. In Franken sorgte der Podcast „Horch a mol“ für Aufsehen, in dem der Direktor des Nürnberger Tiergartens darüber sprach und dabei den Löwen Subali erwähnte. Eine Welle der Entrüstung brach über den Tiergarten herein. Doch der Zoo geht mit den Tötungen schon lange offen um. In einem Schaukasten hängen Tierlisten mit allen Zu- und Abgängen aus. Dort sind auch die Tiere aufgeführt, die der Zoo getötet und verfüttert hat.
Löwen mögen keinen Tofu
Auch wenn diese Liste vielen Zoobesuchern nicht bekannt sein dürfte, gehen laut Beckmann die meisten entspannt mit der Verfütterung um: „Ein Löwe frißt Fleisch. Der kann mit einem Tofu-Schnitzel einfach nichts anfangen“, führt Jörg Beckmann, stellvertretender Direktor und Biologischer Leiter des Zoos aus. „Da ist es für die Leute völlig nachvollziehbar, wenn wir einen Teil des Fleisches selbst produzieren und dafür eigene Zootiere töten, von denen wir bis dahin genau wußten, wie sie gelebt haben.“
Für die Tötungen gibt es keinen festen Plan. Getötet werden die Tiere von Mitarbeitern des Zoos mit der entsprechenden Sachkunde. Das heißt, sie müssen entweder einen Jagdschein besitzen oder Sachkunde-Lehrgänge absolviert haben. Größere Tiere wie Hirsche werden mit dem Gewehr geschossen, kleinere wie Ziegen oder Schafe zuerst mit dem Bolzenschußgerät betäubt und anschließend durch das Aufschneiden der Halsschlagader getötet. Das Gerät setzt der Zoo bei Tieren ein, die den Umgang mit Menschen gewohnt sind. „Bei den Hirschen ist das eine andere Nummer“, erklärt der stellvertretende Direktor. „Da ist das Töten per Kugelschuß die tierschonendste und auch tierschutzgesetzkonforme Methode.“ „Das Töten für die Fütterung, das ist für die Zoobesucher häufig akzeptabel“, sagt Yvonne Würz, Biologin und Fachreferentin für Zoo und Zirkus von der Tierschutzorganisation PETA. „Aber, wenn man die Tiere nicht halten würde, die das Fleisch gefüttert bekommen und die ohnehin niemals ausgewildert werden – zum Beispiel Eisbären und Großkatzen – dann würde auch diese Rechtfertigung nicht greifen.“
Zu wenig Platz

Neben der Fütterung von Fleisch gibt es aber noch andere Tötungsgründe: Zum einen das Einschläfern, zum Beispiel, weil ein Tier schwer krank ist. Ein anderer Grund ist das Populationsmanagement. Das bedeutet, Tiere einer Gruppe werden getötet und verfüttert, weil im Zoo nicht genügend Platz für alle vorhanden ist und sie nicht an einen anderen Zoo vermittelt werden können. „Wir versuchen, eine ganze Reihe von Arten zu halten und zu erhalten“, sagt Beckmann. „Da muß man sich überlegen, wie viel man von dem begrenzten Platz für eine Tierart hernimmt und einen Mittelweg finden. Es ist natürlich sehr schwer, das zu gewichten. Es macht nicht unbedingt Sinn, jedes Individuum einer Tierart zu erhalten, weil wir für die Zucht nicht alle brauchen können und diese Tiere Platz wegnehmen.“ Ebenso muß die genetische Gesundheit der Tierarten im Zoo gewährleistet sein. „Wir versuchen, stabile und gesunde Wildtier-Populationen zu erhalten,“ so Beckmann. „Dazu sind wir gesetzlich verpflichtet. Die Tiere müssen genetisch in Ordnung, überlebensfähig, und gesund sein. Da müssen wir auch mal Tiere aus der Zucht nehmen, die nicht geeignet sind, oder alte Tiere töten. Dann gibt es natürlich auch Situationen, wo es innerhalb einer Gruppe zu Konflikten kommt. Bevor man die Tiere aufgrund von Verletzungen einschläfert und letzten Endes entsorgt, schießen wir sie lieber und verfüttern sie.“
PETA teilt diese Ansicht nicht. Das Töten auf Grund eines Überschusses an Tieren sei laut Yvonne Würz ein hausgemachtes Problem. Denn ohne die Zucht und Haltung von Raubkatze, Eisbär & Co. gäbe es die Problematik nicht. „Es darf einfach nicht sein, daß nach Belieben gezüchtet und sich dann der Tiere entledigt wird“, gibt sie zu bedenken. „Anders als Zoos es glauben machen wollen, wird vor allem für den Eigenbedarf gezüchtet, um die Tiere in Gefangenschaft für zahlende Zoobesucher ausstellen zu können. Ebenso ist die Fütterung ‚überschüssiger Tiere‘ letztlich eine Frage der Wirtschaftlichkeit und wird als akzeptable Lösung kommuniziert.“
„Wir züchten nicht nach Belieben, sondern durchaus planvoll“, sagt Beckmann. „Benötigt man zum Beispiel fünf weibliche Grevyzebras zum Aufbau einer neuen Herde, so müssen dafür statistisch gesehen zehn Fohlen geboren werden. Von den fünf Hengsten kann man aber nur einen als Zuchthengst für diese Herde nehmen. Fortbestand und Fortpflanzung lassen sich im Artenschutz nicht voneinander trennen.“ Eine Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt: Wozu sollen wir bedrohte Tierarten denn überhaupt im Zoo erhalten? Ziel der Zucht ist es, bedrohte Arten später vielleicht wieder auswildern zu können. Ob und wann das möglich ist, hängt immer von der jeweiligen Art und deren Lebensraum ab. PETA lehnt diese Praxis ab. „Bislang gibt es gerade einmal eine Handvoll erfolgreicher Wiederansiedlungen von Zoos, während jährlich Tausende Tierarten aussterben“, sagt Yvonne Würz. „Das steht in keiner Relation zu dem Tierleid, das dafür in Kauf genommen wird.
Subalis Zukunft
Der Löwe des ursprünglichen Anstoßes, Subali, ist mit seinen 14 Jahren schon ein Methusalem. Ob er überhaupt getötet wird, steht noch nicht fest. Die Option der Auswilderung fällt für ihn allerdings weg. Denn der Lebensraum der Asiatischen Löwen in freier Wildbahn beschränkt sich nur noch auf den Gir Forest Nationalpark in Indien und der platzt schon aus allen Waldrändern. Momentan versucht der Tiergarten, Subali und das Weibchen noch zur Zucht zu bringen sowie die Fruchtbarkeit der Tiere zu testen. Sollte der Löwe unfruchtbar sein, wird versucht, ihn an einen anderen Zoo zu vermitteln. „Die Wahrscheinlichkeit, daß wir ihn am Ende töten, die ist, glaube ich, am geringsten“, erklärt Beckmann. Auch PETA ist die Löwen-Diskussion nicht verborgen geblieben. Laut der Biologin seien die Tiere stark von Inzucht betroffen. Das zeige eine Studie von Forschern der Zoologischen Gesellschaft Londons, dem Königlichen Tierärztlichen College Hertfordshires und dem Aalborg Zoo Dänemark über die Sterblichkeit der Asiatischen Löwen im europäischen Zuchtprogramm EEP. Von 270 untersuchten, verstorbenen Löwen waren rund 80 Prozent unter einem Jahr alt. „Das Töten, wenn das Tier nicht zeugungsfähig ist, ist absolut kein Argument“, sagt Würz. „Aufgrund der inzuchtbedingten hohen Jungtiersterblichkeit und der Sinnlosigkeit des ganzen Zuchtprogramms haben wir schon vor Jahren, als genau dieser Löwe Subali nach Nürnberg kommen sollte, an den Nürnberger Zoo appelliert, die Zucht einzustellen.“ Bei Tierarten wie dem Przewalski-Pferd und dem Wisent seien durch wissenschaftlich fundiertes Zuchtmanagement überlebensfähige Populationen aus ursprünglich kleinen Gruppen aufgebaut worden, hält Beckmann dagegen.

Kein Interesse für den Wisent
Obwohl die Diskussion um Subali einen ordentlichen Wirbel und Entrüstung auf den Social-Media-Kanälen des Zoos verursacht hat, sieht der Biologische Leiter das Ganze positiv: „Es ist nicht schlimm, daß wir diese Diskussion führen. Wir sehen ja an der Welle, die entstanden ist, daß dieses Thema anscheinend berührt. Es ist sehr gut, daß die Leute sich damit auseinandersetzen. Für die tatsächliche Tötung und Verfütterung eines alten Wisentbullen – eine ebenfalls bedrohte Tierart – hat sich allerdings fast niemand interessiert.“ Die Tötung wurde vom Zoo in den sozialen Medien und über eine Pressemitteilung kommuniziert.
Die Diskussion um Tiertötungen werden unsere Gesellschaft, die Zoos und Tierschützer sicher noch lange führen. Subalis Schicksal wird sich aber voraussichtlich 2021 noch nicht entscheiden.