Ausgabe März / April 2025 | Natur & Umwelt

Baum mit Herz und Heilkraft

Zu keiner anderen Baumart pflegt der Mensch eine so enge ­Beziehung wie zur Linde – und das seit Jahrtausenden. ­Ursprünglich als heiliger Baum verehrt, wurde sie später zum wichtigen gesellschaftlichen Treffpunkt und zum Inbegriff der Heimat. Der naturheilkundliche Verein NHV Theophrastus kürte sie zur aktuellen Heilpflanze des Jahres.

Text: Sabine Haubner | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Der Anziehungskraft der Linde kann sich kaum einer entziehen. Ganz offensichtlich ist ihre ästhetische Wirkung. Stattliche Solitäre an markanten Stellen der Kulturlandschaft sind eine Augenweide. Hochaufragend mit einer ausladenden und sich aufwölbenden, dichtbelaubten Krone, die an ein umgekehrtes Herz erinnert. Besonders alte Exemplare faszinieren mit knorrigen Stämmen, deren wul­stige, knollige Verdickungen und verschlungene Aststränge wie Momentaufnahmen und Konzentrate des Lebens wirken. Bisweilen sind die mächtigen Stämme verbraucht, innen vollständig hohl. Trotzdem erstaunlich vital, bringen sie neue Wurzeln und aufstrebende Triebe mit frischem Grün hervor. Oder die kunstvoll in ihrem Wachstum gelenkten Tanzlinden, die Dorfmitten schmücken. Aufregend, wenn man sich vergegenwärtigt, wieviel ein solcher Baumveteran erlebt hat. Keine andere heimische Baumart ist so eng mit der Geschichte und den Geschicken der um sie herum lebenden Menschen verbunden. Auf einen mittlerweile etwas vernachlässigten Aspekt soll die Kür der beiden Schwesterarten Sommer- und Winterlinde, Tilia platyphyllos und Tilia cordata, zur diesjährigen „Heilpflanze des Jahres“ erinnern. Der auslobende naturheilkundliche Verein NHV Theophrastus begründet seine Wahl damit, daß die gesundheitsfördernden Eigenschaften der Linde aufgrund sehr ähnlicher und stärkerer Wirkungen anderer Pflanzen (wie dem Holunder) in Vergessenheit gerieten.

Geborgenheit, Glück und Gesundheit – keine andere heimische Baumart bietet dem Menschen so viel Gutes wie die Linde.
Geborgenheit, Glück und Gesundheit – keine andere heimische Baumart bietet dem Menschen so viel Gutes wie die Linde.

Gegen Husten und Fieber

Die erste Erwähnung der Linde als Heilpflanze stammt vom römischen Naturforscher Plinius d. Älteren im 1. Jahrhundert n. Chr. Die traditionelle Anwendung Tilia-haltiger Drogen beginnt im 12. Jahrhundert mit den Aufzeichnungen Hildegards von Bingen. In ihrem naturkundlichen Werk Physica empfiehlt sie ein Pulver aus der Wurzel bei Herzbeschwerden. Für überanstrengte Augen hat sie eine andere Darreichungsform parat. Im Sommer solle man über Nacht Augen und Gesicht mit Lindenblättern bedecken, „das macht die Augen klar und rein“. Typisch für die heilkundige Äbtissin sind zwei magische Anwendung: durchgeglühte Wurzelerde für einen Dampfbad-Aufguß bei Gicht oder ein Fingerring aus Lindenholz als Amulett gegen viele gefährliche Krankheiten. Die Kräuterkundigen der Renaissance widmeten der Linde umfangreichere Kapitel und wiesen auf die Heilkraft der honigsüß duftenden Blüten hin. Diese entwickelten sich in der Folgezeit zum Favoriten der Volksheilkunde bei fiebrigen Erkältungskrankheiten, Husten und Halsentzündungen, gepusht durch Pfarrer Sebastian Kneipp, der heißen Lindenblütentee zur immunstimulierenden Schwitzkur empfahl. Die relevanten Inhaltsstoffe sind fiebersenkende Flavonoide und Hydroxyzimtsäure-Derivate, leicht krampflösende und hustendämpfende Schleimstoffe sowie antimi­krobielle Gerbstoffe und Glykoside.

Gestutzt, gelängt und geleitet – die Stufenlinde in Grettstadt (Lkr. Schweinfurt) ist ein beeindruckendes lebendes Bauwerk
Gestutzt, gelängt und geleitet – die Stufenlinde in Grettstadt (Lkr. Schweinfurt) ist ein beeindruckendes lebendes Bauwerk

Mit Unterstützung kann es noch ein paar hundert Jahre weitergehen, unter diesen Umständen auch horizontal. Die Kasberger Linde bei Gräfenberg im Landkreis Forchheim.
Mit Unterstützung kann es noch ein paar hundert Jahre weitergehen, unter diesen Umständen auch horizontal. Die Kasberger Linde bei Gräfenberg im Landkreis Forchheim.

Heiliges Holz zur ­Wahrheitsfindung

Circa 60 unterschiedliche pharmakologisch wirksame Inhaltsstoffe wurden bei wissenschaftlichen Untersuchungen dokumentiert, aufgeführt in den Monographien der Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes und der ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) von 2022. Sie begründen eine Vielzahl der Wirkungen von Blüten, Blättern und Rinde. Neben schweißtreibend und hustenstillend haben sich beruhigende, krampflösende, leicht blutdrucksenkende und antientzündliche Eigenschaften durch Erfahrungswerte herauskristallisiert. Der früher geläufige Einsatz der Lindenholzasche bei Leber- und Gallenblasenkrankheiten und überschüssiger Magensäure ist heute in Vergessenheit geraten – Potential, das die Wissenschaft ausschöpfen sollte.

Überhaupt das Holz – es verweist auf den vielfältigen Nutzen, den der Mensch aus der Linde zieht. Zwar ist das weiche, hellfarbige und ela­stische Holz dieser Baumart weniger als Brenn- und Konstruktionsholz geeignet, wurde und wird aber von den Bildhauern und Kunstschnitzern hochgeschätzt. Madonnen und Altäre, die heute unsere Kirchen schmücken, wurden aus ihren Stämmen gefertigt wie die atemberaubend schönen Werke des Würzburger Meisters Tilmann Riemenschneider etwa in den Stadtkirchen von Münnerstadt und Creglingen. Die volkstümliche Bezeichnung heiliges Holz resultiert aus dieser Verwendung. Als heilig empfanden die Menschen den Lieferanten aber schon Jahrtausende vorher. Eine enge, geradezu emotionale Bindung scheinen sie zur Linde seit jeher zu pflegen. Die Germanen weihten sie ihrer Fruchtbarkeitsgöttin Freya und schrieben ihr Kraft zur Weissagung und Wahrheitsfindung zu. In der Konsequenz hielten sie unter dem Schatten von Linden ihre Gerichtsversammlungen ab. Eine soziokulturelle Funktion, die weiter tradiert wurde – bis ins 19. Jahrhundert. Gerichtslinden standen an markanten Punkten in der Landschaft, an Burgen, Kirchen oder auch in den Ortsmitten. In Würzburg erinnert ein an den mittelalterlichen Rathausturm aufgemalter Lindenbaum an eine uralte Gerichtslinde, die einst hier an der Furt durch den Main stand.

Losgelöst von der Erde: Im grünen Schatten der Tanzlinde von Limmersdorf geben sich seit 1729 junge Paare dem Rausch des Reigens hin. So entrückt verliebt es sich leicht.
Losgelöst von der Erde: Im grünen Schatten der Tanzlinde von Limmersdorf geben sich seit 1729 junge Paare dem Rausch des Reigens hin. So entrückt verliebt es sich leicht.

Berauschender Tanz im Baumsaal

Lindensolitäre markierten vor allem in den Dörfern den Mittelpunkt des Ortes. Hier wurden wichtige Informationen verkündet, aufregender Dorfklatsch verbreitet, getanzt und Brautschau betrieben. Warum gerade die Linde? Ihr harmonischer Wuchs, die weit ausgespannte Krone, die sich wie schützend über die darunter Weilenden wölbt, der hypnotische Duft, den ihre Blüten zu Beginn des Sommers verströmen, erzeugen Gefühle der Geborgenheit und der Heimat. Werte, die von den Dichtern der Romantik so richtig gefeiert wurden. Friedrich Rückert rühmt den verzaubernden Lindenblütenduft, Volkslieder wie „Am Brunnen vor dem Tore“ besangen die beglükkenden Lindengefühle, Moritz von Schwind malte Linden an die Wände der Eisenacher Wartburg. Die Zutat der herzförmigen Blätter prädestinierte die Art auch als Baum der Liebe. Als solcher wurde sie schon von Walther von der Vogelweide um 1200 besungen: „Unter der Linden an der Heide, da unser zweien Bette was …“

In Franken gibt es noch ganz außergewöhnliche Exemplare von Tanz- und Dorflinden zu bestaunen, wie im oberfränkischen Limmersdorf. Dort wird eine 1686 gepflanzte Dorflinde seit 1729 jedes Jahr zur Kirchweih im August kontinuierlich betanzt. Ihre Äste wurden so kunstvoll geführt, daß man auf ihnen ein hölzernes Gerüst, die „Tanzbruck“, errichten konnte. Auf dieser können junge Tanzpaare in Tracht vier Tage lang, abgehoben vom Boden des Alltags inmitten eines Blättersaals, einen berauschenden Reigen tanzen. Ein anderes staunenswertes Exemplar steht im unterfränkischen Grettstadt an der Dorfkirche. Die fast 300 Jahre alte Stufenlinde ist ein kunstvoll durch Menschenhand geformtes Exemplar: Auf die durch Säulen gestützte untere Astreihe folgen neun weitere, sich verjüngende Astkränze. Ein wahrer Baum-Methusalem ist die Kunigundenlinde neben der Kunigundenkapelle in Burgerroth (Lkr. Würzburg). Gemäß der Gründungslegende der Kapelle verfing sich in der Krone dieses Baumes der Schleier der heiligen Kunigunde von Bamberg, die um 1033 verstarb. Vielleicht wurde sie aber auch viel später gepflanzt, die Datierung ist jedenfalls umstritten und läßt sich schwer nachvollziehen, denn der Stamm hat sich schon vor langer Zeit in vier Teile aufgespalten. An seiner Basis mißt er einen Umfang von fast 10 Metern. Es ist jedenfalls eine der monumentalsten Linden Bayerns und Beweis für die Überlebenskraft dieser erstaunlichen Baumart, die zum Symbol der Wahrheit, Harmonie, Lebensfreude und Liebe wurde – in unseren Zeiten unverzichtbar.

Je älter desto interessanter. Auch wenn Hohlräume und Verfall Lindenmethusaleme auseinanderdriften lassen, sind sie von erstaunlicher Vitalität. Die Linde in Effeltrich im Landkreis Forchheim.
Je älter desto interessanter. Auch wenn Hohlräume und Verfall Lindenmethusaleme auseinanderdriften lassen, sind sie von erstaunlicher Vitalität. Die Linde in Effeltrich im Landkreis Forchheim.

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